Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste

26. Februar 2017 | von Klaus Kirschner
Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste
Kultur
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Noch bis zum 26. Juni 2017 ist im Schwulen Museum* Berlin eine Ausstellung über Siegfried Wagner zu sehen.

Die Geschichte des Wagner-Clans – mit all ihren Verstößen gegen konventionelle Moralvorstellungen, Intrigen, Skandalen, Machtkämpfen um Bayreuth sowie politischen Positionierungen – beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit seit 150 Jahren. Der „Grüne Hügel“ und die dort seit 1951 alljährlich stattfindenden Festspiele werden von vielen als „Pantheon des deutschen Volkes“ betrachtet, als nationales Heiligtum und Kulturgut erster Güte, das in die Welt hinausleuchtet.

Als am 6. Juni 1869 Richard Wagners einziger Sohn Siegfried in der Schweiz geboren wird – benannt nach der heldenhaft anarchistischen und zugleich frauenfürchtenden Opernfigur, die aus der inzestuösen Liaison von Siegmund und Sieglinde hervorgingen – war der Philosoph Friedrich Nietzsche anwesend, die Ikone der späteren „Maskulinisten“ rund um Adolf Brand, König Ludwig II. ist Taufpate, Mutter Cosima von Bülow ist zum Zeitpunkt der Geburt ihres fünften Kindes und einzigen Knaben noch mit einem anderen Mann verheiratet, und Franz Liszt ist der illustre Großvater. Siegfried war von Anfang an auserkoren, das Erbe des Vaters einmal weiterzuführen: als Musiker, Dirigent, Regisseur und künstlerischer Leiter der Festspiele, die er 1906 von seiner Mutter übernahm und bis zu seinem Tode 1930 in eine moderne neue Ära überführte, zum Ärger vieler reaktionärer Wagnerianer. Daneben komponierte Siegfried insgesamt 18 musikdramatische Bühnenwerke, die zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreich in ganz Europa aufgeführt wurden. Und er tritt in der ganzen Welt als gefragter – und gut bezahlter – Dirigent eigener Werke auf sowie speziell der Werke von Richard Wagner und Franz Liszt.

Dass Siegfried homosexuell war und ein für die Zeit erstaunlich offenes schwules Leben führte, war der Familie bekannt und wurde weitgehend toleriert. Erpresser wurden mit Geld aus der Privatkasse zum Schweigen gebracht.

Nach dem Eulenburg-Skandal nahm der Journalist Maximilian Harden 1914 Siegfried Wagner ins Visier, hatten doch Eulenburg den Wagner-Kult gefördert und die dauerhafte finanzielle Absicherung der Festspiele eingefädelt. Außerdem war Eulenburg befreundet mit dem „Rassepropheten“ Houston Stewart Chamberlain, Siegfrieds Schwager. Nachdem Harden Siegfried öffentlich als „Heiland aus andersfarbiger Kiste“ bezeichnet hatte, trat dieser die Flucht nach vorn an: er heiratete überstürzt die androgyne, noch minderjährige Kindfrau Winifred (1897 – 1980), die ihm vier Kinder gebar und damit Gerüchte über die Homosexualität ihres Ehemanns erstickte. Außerdem sorgten Siegfried und Winifred auf diesem Weg für die Erben der Festspiele: Wieland (1917 – 1966) und Wolfgang Wagner (1919 – 2010).

Porträt des Komponisten und Bayreuther Festspielleiters Siegfried Wagner © Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft/Schwules Museum*

Die Ausstellung Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste widmet sich erstmals unvoreingenommen der schwulen Seite von Siegfried Wagners Leben und Oeuvre. Sie beleuchtet seine innovative Arbeit in Bayreuth, sein Verhältnis zum Nationalsozialismus und dem Antisemitismus. Vorgestellt werden sein Lebenspartner Clement Harris und andere intimen Freunde, ebenso sein unehelicher schwuler Sohn Walter Aign (1901 – 1977). Besondere Aufmerksamkeit wird seinen stark autobiografischen Opern gewidmet, mit historischen Bühnenbildentwürfen und Aufführungsfotos.

Eine Einzelabteilung widmet sich „Richard Wagner und die Homosexualität“ und zeigt auf welchem Fundament Siegfrieds Leben aufbaut und warum sein Sohn Wieland zeitlebens Angst hatte, ebenfalls homosexuell zu werden – als Erbe des Vaters und Großvaters.

Zur Ausstellung ist ein Essayband erschienen, herausgegeben von Achim Bahr.

Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V. und dem Richard-Wagner-Museum Bayreuth.

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